Jiri Brabenec / Zdenek Vesely – Gestrandet bei der Sonne Epsilon

 

Jiri Brabenec / Zdenek Vesely – Gestrandet bei der Sonne Epsilon
Utopischer Roman, 1961

Ich lese recht viele Bücher, aber um mir mal eine persönliche Spezialität zu schaffen, entdeckte ich vor einiger Zeit das Revier „Osteuropäische (inkl. DDR) Science Fiction Literatur bis 1990“, ein interessantes und ergiebiges Fachgebiet.
Zu den erlesensten Veröffentlichungen dieses Subgenres gehört zweifellos „Gestrandet bei der Sonne Epsilon“, ein tschechoslowakisches Buch aus dem Jahre 1961.

Eigentlich soll die Raumfahrergruppe auf einem noch namenlosen Planeten jener Sonne, elf Lichtjahre von der Erde entfernt, nach den Spuren einer verschollenen Expedition suchen – gerät dann jedoch selbst in Not und havariert schwer.
Die einzige Möglichkeit zum Überleben besteht darin, sich in einem kleinen Raumgleiter vom zum Untergang verurteilten Mutterschiff zu lösen und auf dem Planeten zu landen.
Aufgrund der begrenzten Tragkraft kann nur das Allernötigste mitgenommen werden, und als auch noch dieses Gefährt havariert, und die Rettungsschirme eingesetzt werden müssen, besitzt jede(r) nur noch das, was er / sie am Leibe trägt.
Zudem wird die Gemeinschaft auch noch getrennt in eine größere Gruppe von ca. 20 Personen und eine kleine von nur drei, die weit hinter der nächsten Bergkette landen.
Ob sie überhaupt überleben, weiß man nicht.
Der größere Teil, das erfährt man gleich, notlandet halbwegs wohlbehalten auf der Planetenoberfläche und sieht sich, da dieser Himmelskörper recht erdähnliche Bedingungen aufweist, auch mit einer der Erd-Urzeit (Tertiär / Quartär) ähnlichen Fauna und Flora konfrontiert.
Zwei Seiten hat dieses Paradies, nämliche eine überquellende, unangetastete und nahrungsspendene Natur, aber auch mächtige und gefährliche Tiere.
Die so sehr erdähnliche Biologie mag vielleicht ein klein wenig übertrieben wirken, fällt aber nicht ins Gewicht, und an sich finde ich das Konzept der konvergenten Evolution absolut schlüssig.
Ganz besonders interessant wird dann die Evolution der Technologie der Siedler, die glücklicherweise allesamt eine überdurchschnittliche Bildung genossen.
So wird der Weg vom spitzen Stock zum Schmiedewerk mitreißend und nachvollziehbar realistisch beschrieben, wobei eine Prise trockener Humor nicht zu kurz kommt.
Ganz anders geht es den restlichen Raumfahrern – eine Frau, zwei Männer – die weit entfernt auf der Rückseite der Bergkette landen.
Lediglich zu dritt, ohne alles und dem Ende nahe, sehen sie sich mit einem herannahenden Winter in den Bergen konfrontiert, den sie augenscheinlich erst einmal ohne Feuer in einer Höhle verbringen müssen.
Wie wird das alles wohl enden?
Das zu erfahren, wird nicht ganz billig, denn das Buch ist rar und kostet üblicherweise zwischen 30 € für eine etwas lädierte oder leicht verschmutzte Ausgabe und knapp 100 € für eine erstklassige.
Die lädierte tut es natürlich auch und ist absout jeden Cent wert.
Eine interessante Besonderheit: Jeder den ich kenne, der dieses Buch schon las und es (im Gegenteil zu mir) schon seit der Kindheit sein Eigen nennt, liest es immer und immer wieder einmal, oft sogar regelmäßig alle paar Jahre.
Durchaus nachvollziehbar.
Mein Dank gilt Frank für diese Empfehlung!

(merula)

Count Raven – The Sixth Storm


Count Raven – The Sixth Storm
I Hate
73:32 min
Heavy Doom Metal

Sänger Dan Fondelius als Ozzy Plagiat zu bezeichnen, ist ebenso unangebracht wie jegliche Vergleiche zu den düsteren Birminghamern zu leugnen.
Count Raven klingen eigenständig und, mal nebenbei gesagt, auch absolut großartig, aber beim Anhören ihres neuen (sechsten) Albums kann man sich nicht dagegen wehren, über das Thema nachzudenken.
Wenn überhaupt vergleichen, dann wirklich mit den ersten fünf Black Sabbath Alben, oder nicht sogar eher mit den ersten drei Ozzy Alben? Schande über den, der diese drei Werke gegenüber der Mutterband abfällig behandelt.
Nun denn, das neue Langeisen beginnt mit grandiosem Doom Metal der Heavy Metal rockenden Art – dass die Band ihren Doom weit entfernt von den Extremen Funeral und Death Doom zockt, dürfte bekannt sein.
Deftige, packende HEAVY Riffs treffen auf stimmige Refrains, und das alles vortrefflich verpackt in einen zermalmenden Sound, der nicht ein bisschen modern und doch so kraftvoll und klar klingt.
Hervorragend!
Im ersten Teil, um auf das Eingangsthema zurückzukommen, eher Black Sabbath, bis das vierte, außergewöhnliche und untypische Lied „Heaven‘s Door“ die geneigte Hörerin ganz berüht zurücklässt.
Ab da wird es, wenn ich das bitte so sagen dürfte, noch Ozzy-hafter im Sinne seiner frühen Solo Alben.
Also einerseits hitverdächtiger und Refrain orientierter.
Aber speziell, wer in seinem Leben schon einmal längere, schwere und schlimme Zeiten in ungesunder Beziehung zu Substanzen durchlebt, durchkämpft hat, sieht die frühen Ozzy Platten noch einmal in einem ganz anderen Blickwinkel als es der glückliche Durchschnittsbürger tut.
Diese Balance, diese Paarung aus zutiefst tragischen, traurigen, bitteren Parts mit dem kleinen Lächeln obendrüber. Betroffene wissen, was ich meine.
Auf diese Art dramatish und melancholisch wendet sich also das Liedmaterial ein wenig und findet im ergreifenden „Baltic Storm“ einen glänzenden Höhepunkt, für den allein ich die Platte schon kaufen würde.
Auf das lange und epische „Oden“ folgt der letzte Song „Goodbye“, und hinterlässt die Verfasserin dieser Zeilen sprachlos, mit salzhaltigem Wasser in den Augenwinkeln.
Erinnerungen werden wach, Songtitel wie „Changes“, „So Tired“, vor allem aber auch „Alone You Breathe“ (Savatage) drängen sich auf.
Brillant.

(merula)

Metallica – Ride the Lightning vs. Master of Puppets

Metallica – Ride the Lightning vs. Master of Puppets
oder: Warum „Ride“ die bessere Platte ist.

Coverartwork

Ride the Lightning besticht in betörendem Blau, Master of Puppets‘ Cover ist aber dermaßen ikonisch, das der Punkt an „Master geht.

Ride: 0 Master: 1

Intro

Das Intro zu „Fight Fire with Fire“ ist ein fester Teil meines Lebens, und da ich es hörte, als seinerzeit (1985) gerade der erste Schnee fiel, denke ich seitdem bei Schnne immer an dieses epochale Album.
Musikalisch gesehen ist das Intro zu „Master of Puppets“ noch weitaus spannender und dramatischer. Auch dieser Punkt geht an „Master“.

Ride: 0 Master: 2

Erstes Lied

„Fight Fire with Fire“ oder „Battery“? Eine Entscheidung ist nicht möglich, beide bekommen einen Punkt.

Ride: 1 Master: 3

Zweites Lied

„Master of Puppets“ ist besser komponiert, „Ride the Lightning“ jedoch härter und dramatischer.
Je ein Punkt für beide.

Ride: 2 Master: 4

Drittes Lied

„The Thing that Should Not Be“ ist geil, „For Whom the Bell Tolls“ jedoch eine der größten Bandhymnen.
Ein Punkt für „Ride“.

Ride: 3 Master: 4

Viertes Lied, die Ballade

„Welcome Home (Sanitarium)“ ist großartig, „Fade to Black“ jedoch göttergleich.
Ein Punkt an „Ride“.

Ride: 4 Master: 4

Fünftes Lied, Opener der B-Seite.

„Trapped Under Ice“ geht ab wie eine Rakete, „Disposable Heroes“ ist dann aber ein wütendes, verzweifelt anklagendes Werk der absoluten Extraklasse.
Punkt an „Master“.

Ride: 4 Master: 5

Sechstes Lied, der „Filler“

Wenn wir hier von einem schwächeren Song reden, bedeutet das natürlich, dass diese beiden Lieder nur 10 von 10 Punkten bekommen würden, nicht 11 von 10.
„Leper Messiah“ ist trotz Längen aber besser als „Escape“ mit seinen unerklärlichen Trommelschägen neben der Reihe.

Ride: 4 Master: 6

Achtes bzw. siebtes Lied, das Instrumental

„Orion“ ist atemberaubend, düster und anrührend. Gegen den Jahrhundertsong „Call of Ktulu“, das vielleicht beste Metal-Instrumental der 200.000 Jahre alten Menschheitsgeschichte, kommt es jedoch nicht an.

Ride: 5 Master: 6

Siebtes bzw. achtes Lied – was halt übrig bleibt

„Damage, Inc.“ ist cool, „Creeping Death“ aber eine der größten Bandhymnen überhaupt.
Ich war in Lissabon bei einem Straßenfest der Arbeiterpartei. Was spielte die Band dort? Selbstverständlich „Creeping Death“, nicht „Damage, Inc.“!

Ride: 6 Master: 6

Sound

Der arg komprimierte Sound auf „Master of Puppets“ geht mir gehörig auf den Keks und hat keine Chance gegen den ungeschliffenen Brachialsound von „Ride the Lightning“.

Ride: 7 Master: 6

Gesamteindruck

Zwei Meilensteine, zwei anbetungswürdige Jahrhundertwerke.
Aber die rohe Urgewalt und das Ungestüm von „Ride the Lightning“ gingen danach verloren.

Ride: 8 Master: 6

Der Gewinner ist also eindeutig „Ride the Lightning“!
„Kill Em All“ liebe ich abgöttisch, habe ich hier aber nicht bewertet, da ich nur die beiden naheliegend gut vergleichbaren Alben besprechen wollte.
„… And Justice For All“ wäre sehr wohl vergleichbar, fällt für mich aber aufgrund seiner Langatmigkeit und der Frechheit gegenüber Jason vollkommen aus dem Rennen.
„Metallica“ ist ein tolles, fantastisches Heavy Rock Hit Album, passt aber nicht an diesen Ort.
Alle weiteren Alben sind weit von jeglicher Genialität entfernt, gleichwohl sind sie aber auch ganz gut; ich höre sie so ein bis zwei Mal im Jahr. Alle, auch „Lulu“ und „St. Anger“. So schlecht sind die nicht.

(merula)

Die Apokalyptischen Reiter – Soft & Stronger

Die Apokalyptischen Reiter – Soft & Stronger
Ars Metalli
40:02 min
Reiter Metal

Die Geschichte der besten Band beginnt mit einem Pferdewiehern, und das ist auch gut so.
Klar, vorher gab es ein spektakuläres Demo und eine ebenso zufällige wie liebens- und glaubenswerte Story zur eigentlichen Bandentstehung, aber ein Pferdewiehern plus Bassgitarrentöne leiten das Album ein, das der Thüringer Formation den Weg zu einer weltumfassenden Karriere ebnete.
„Iron Fist“ zeigt, wo es lang geht, aber erst mit dem nächsten Lied „The Almighty“ zieht das Reitervolk alle Register: Abwechslungsreicher, deftiger und derber Death Metal mit epischen Einschüben, klassischen Piano-Passagen und vor allem dem genialen, prägenden Wechselgesang zwischen tiefen Growls (Eumel) und abartigem Kreisch (Skell).
Weiter geht die wilde Jagd mit „Execute“ und „Downfall“ bis hin zu „Metal will never die“, einer der größten Hymnen an den Metal selbst. Dass das Lied genau so ernst gemeint war wie ähnliche Songs von Manowar, begriffen damals leider nicht alle und hielten das alles für einen ärgerlichen Spaß. Verlogenes Pack – als würdet ihr am Wochenende in der Disco „Fast as a Shark“ mit herunterhängenden Mundwinkeln hören!

In dieser frühen Phase spielte die Band selbstverständlich noch nicht so reif und ausgeglichen wie ab den 2000ern, hackte oft auch wild drauf los, aber genau das war das Außergewöhnliche an dieser einmaligen Combo: In einer Welt, von der man dachte, alles an Black, Death, Heavy, Thrash, Speed Metal sei bereits gesagt, drängeln sich vier Jungs von ihrem Proberaum aus ungestüm direkt nach vorne in die erste Reihe, weiter und weiter. Beeindruckend bis zum heutigen Tage – und auf diese eine gewisse Art und Weise auch ihr bestes Album. Revolutionär.
Duplizieren ließ sich das nicht, und das wussten die schlauen Reiter und beschritten von nun an einen Pfad der metallischen Wechselhaftigkeit, der je nch Geschmack als genial oder anstrengend, allerdings niemals als mittelmäßig empfunden werden kann.

(merula)

 

Helheim – WoduridaR

Helheim – WoduridaR
Dark Essence
57:14
Black / Viking Metal

Helheim aus Bergen haben ein neues Album veröffentlicht, was ansich schon Grund genug zur Freude ist. Mit diesem, ihrem elften, Longplayer haben sie sich allerdings einen solch großartigen Meilenstein ins Œuvre gehievt, dass es sich lohnt, ausreichend Brennholz für ein ganzes Freudenfeuer zu sammeln.
Nach einem kurzen Quasi-Intro startet das Album fulminant mit der Hochgeschwindigkeits-Hiebwaffe „Vilje av Stål“. Mit einem mörderischen, zwanzigsekündigem Schrei beginnt ein Feuerwerk an Drumming und wilden Gitarren, die aber recht bald in – noch immer hochtempoige – melodiöse Gitarren und reizvollen Wechselgesang zwischen harsch und klar übergehen.
Anbetungswürdig! Klingt so dermaßen nach bestem Mittneunziger Norse Viking / Black Metal, wie es sogar Helheim selbst seinerzeit kaum hinbekamen.
Weiter geht es mit „Forrang for fiede“ mit weiterhin hohem Musiziertempo, das jedoch innerhalb der einen jeden Blackmetaller glücklich stimmenden Geschwindigkeit reichlich Abwechslung sowie recht progressive Gitarren und ulveresken Bergtatt-Gesang bietet.
Der nun folgende Titeltrack vertieft das alles noch und setzt neben einer sehr gelungenen Singstimme auf eine hinreißende, melancholische Grundstimmung und Stilmittel wie unheilverkündende Trommeln.
Als wäre Abwechslung auf diesem Album nicht sowieso schon ganz groß geschrieben, lockt „Åndsfilosofen“ sogar mit erhabenen bitter-süßen Refrains, die mich fast ein wenig an eine schwarzmetallische „Sistinas“ Version erinnern. Klasse!
„Ni s solu sot“ startet mit sehr melodischen Gitarren und ist allgemein etwas ruhiger gehalten, dafür um so epischer. Richtungsweisend für den weiteren Verlauf von WODURIDAR, denn das Album wird zunehmend bedächtiger und epischer, endend schließlich im getragenen, hymnischen „Det kommer i bølger“. Irre ich mich, oder paart die Band hier überaus gekonnt Bathory / Viking Epic mit Americana bzw. Dark Country?
Hört es euch an und bildet euch eine Meinung.
Kaufen, oder wenigstens anchecken!

(merula)

Fluisteraars – Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking

Fluisteraars – Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking

Eisenwald

35:35

Black Metal

Am Vorgängeralbum „Bloem“ schieden sich die Geister – ich liebte es derweil, bevor ich auch nur den ersten Ton gehört hatte. Eine Black Metal Platte mit einer Blumenwiese auf dem Cover, das wollte ich schon immer!

Scheiden werden sich die Geister auch an „Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking“ wieder, doch vielleicht eher nicht an der warmen, lichterfüllten Atmosphäre des Vorgängers, sondern an der wirklich ausgelassenen Experimentierfreude ihres Neugeborenen.

Wollen wir mal drüber reden?

Nach einigen kurzen Trommelschlägen beginnt „Het overvleugelen der meute“ mit rasendem Tempo, flirrenden Gitarren mit schön viel Hall und voller herzergreifender, melancholischer Dramatik und sofort einsetzendem Gesang von Bob Mollema, der sich übrigens keifenderweise in genau die richtige Richtung entwickelt hat.

Das Stück wechselt auf genau die richtige Weise ab und an die Tempi, die letzten beiden Minuten bestehen dann aus eher experimentellen Klängen.

Es ist nicht so, dass das Lied ohne diese beiden Minuten mir nicht gefallen würde – Spaß macht das Zuhören und sich Hineinfallenlassen trotzdem.

„Brand woedt in mijn graf“ startet nahtlos im Anschluss und schlägt so ganz ungefähr in die Kerbe des ersten Liedes, was durchaus als großes Kompliment gemeint ist.

Drittes von drei Stücken ist der 20-Minüter „Verscheuring in de schemering“, und hier täte man der Band unrecht, würde man den experimentellen Teil des Liedes als Beiwerk betrachten – ist er doch mit all seinen überraschenden, auch nicht immer (glücklicherweise) einfach nachzuvollziehenden Schwenken und Wechseln, mit seiner abenteuerlichen, spacigen Instrumentierung und der spirituellen Stimmung essenzieller Bestandteil des Liedes. Das auch in seinem schwarzmetallischen Sektor zutiefst begeistert.

Und da wir gerade über Begeisterung reden – der bissige Bass gefällt mir im angenehm transparenten, differenzierten Gesamtsound ganz besonders, die Gitarren sind edel-schwarz, der Gesang gereift und teils vom Allerfeinsten richtig hysterisch hoch kreischend, die Drums gut und songdienlich. Schönes Cover und Booklet auch!

P.S. Wer schon immer wissen wolltet, wie richtige Könner ein Rock n Roll Riff mit minimalistischen Variationen in kürzester Zeit in ein Epic Black Metal Riff verwandeln, lauscht „Verscheuring in de schemering“ ab 12:45 min.

(merula)