BOARHAMMER: Von DIY, düsterem Tann und Hierarchien

Gute Musik kann selbstverständlich auf jedem Medium veröffentlicht werden, doch wenn eine Band ihr Demo als Tape herausbringt, bin ich gleich doppelt begeistert. Über Boarhammer, die auf eben jene Art jüngst ihr Debüt veröffentlichten, kann es kaum zwei Meinungen geben: sie sind einfach sehr, sehr gut, und so freue ich mich, dass The Vessel (Vocals, Drums, Bass) und Wodwoz (Guitars, Vocals) sich auf ein Gespräch einließen!

Ich bin unglaublich alt und habe mich schon aus diesem Grunde sofort in „I: Cutting Wood For Magickal Purposes“ verliebt. Es klingt bei aller Eigenständigkeit genau wie Anfang / Mitte der 1990er. Ist es anmaßend, euch eine gewisse Liebe zum alten Black Metal Osteuropas zu unterstellen?

The Vessel: Nein, das ist kein bisschen anmaßend. Besonders Master’s Hammer ist eine Band, die wir sehr schätzen. Die Kombination aus Kauzigkeit, traditionellem Heavy Metal, Raserei und beinahe schon opernhaftem Bombast ist etwas, das mich schon ziemlich beeindruckt hat, als ich es irgendwann in den 90ern erstmals zu hören bekam. Durch die Herkunft meiner Großmutter habe ich auch einen persönlichen Bezug nach Osteuropa: Sie kam aus der Region der Hohen Tatra und brachte mich bereits in früher Kindheit in Kontakt mit zahlreichen Mythen, Sagen, Geschichten von okkulten Praktiken und merkwürdigen Ereignissen etc. Vielleicht hat das mein Interesse an diesen Themen geprägt.

Wodwoz: Merula, erstmal herzlichen Dank für das Liebesbekenntnis – wir fühlen uns sehr geehrt! Klar, da gibt es schon einige Bands, die wir auch während der Entstehungsphase des Demos regelmäßig gehört haben. Definitiv Master’s Hammer. Tormentor sind auch großartig, klingen aber auch schon wieder ganz anders. Gut möglich also, dass sich der ein oder andere Einfluss eingeschlichen hat. Generell versuchen wir aber, eine eigene musikalische Sprache zu finden und nicht der tausendste Klon von irgendwas zu sein. Möglicherweise ist es genau diese Herangehensweise, die uns in die Nähe der von dir genannten Bands rückt.

Ich vernehme viele Einflüsse von okkultem und schwarzgefärbten Heavy Metal. Auch aufwühlende Twin Guitars, z.B. in „Spirits on Black Wings“. Mein erster Gedanke, das klingt aber sehr nach alten Messiah, relativierte sich später und bezog sich wohl eher auf den genialen Gesang.
Trotzdem, „Hymn to Abramelin“ und „Extreme Cold Weather“ sind unsterblich und sollten monatlich gehört werden, oder?

The Vessel: Um ehrlich zu sein, sind Messiah bisher keine Band von großer Relevanz für uns gewesen; tatsächlich habe ich die Band durch Deine Anspielung auf sie das erste Mal bewusst wahrgenommen. Das mag eine Bildungslücke darstellen, entspricht aber der Wahrheit. Ich finde allerdings gerade auf der „Hymn to Abramelin“ den Gesang ziemlich super.

Wodwoz: Da muss ich leider auch passen.. Messiah sind an mir bisher ebenfalls vorbeigegangen. Aber danke für den Anspieltipp, geiler Scheiß! Ich mag ja generell sehr gerne Bands, die in diesem kleinen Zeitfenster irgendwo Mitte der Achtziger über Genregrenzen hinweg extremen Metal fabriziert haben.

2020 habt ihr euch gegründet, 2021 ein starkes Tape veröffentlicht. Was kommt 2022?

The Vessel: Wir arbeiten weiterhin an neuen Songs und hoffen, diese im Laufe des Jahres aufzunehmen. Vor einigen Wochen haben wir Kontakt mit dem kleinen, aber feinen Label Naturmacht Productions aufgenommen; Robert war recht angetan von unserem Demo-Tape und wird wohl unsere nächsten Aufnahmen veröffentlichen. Wann das passieren wird, ist aber noch nicht spruchreif. Wir hoffen, dass wir in 2023 unser erstes Album veröffentlichen können.

Wodwoz: Wir haben auf jeden Fall Blut geleckt! Als wir vor anderthalb Jahren mit der Band angefangen haben, war der Anspruch tatsächlich nur, endlich mal wieder im Proberaum Krach zu machen und dabei im besten Fall ein paar Songs zu produzieren, die uns selbst Spaß machen. Obwohl wir beide schon ewig befreundet sind, hat es sich vorher nie ergeben, dass wir zusammen Musik gemacht haben. Dass die Chemie dann letztlich so gut gepasst hat, hat uns ehrlich gesagt selbst ein bisschen überrascht. Mittlerweile ist das Demo ein halbes Jahr alt und seitdem war es ein wilder Ritt: Wir haben massenweise positive Reviews und Rückmeldungen bekommen, unsere Tapes restlos ausverkauft und mit Naturmacht sogar ein Label gefunden, das bereit ist, unser nächstes Werk zu veröffentlichen.

Ein gutes und freundliches Label ist ein Gewinn. Was aber, wenn ihr ein Angebot von ganz weit oben erhalten würdet, sagen wir mal, so Richtung Napalm oder Nuclear Blast?

The Vessel: Ich glaube nicht, dass so ein großes Label für uns in Frage käme. Wir sind überzeugte Verfechter des DIY-Ethos und sind nicht bereit, uns von außen in unsere Ideen und Überzeugungen hineinreden zu lassen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine große Plattenfirma einer Nischenband wie uns volle künstlerische Freiheit lassen würde; die möchten wir aber haben. Bei einem Label wie Naturmacht haben wir das Gefühl, dass Leute wie Robert die Sache aus den richtigen Gründen heraus tun und auch ihnen die Eigenständigkeit der Künstler*innen ein Anliegen ist, das eher gefördert als eingeschränkt werden sollte. Wenn es mehr um Verkaufszahlen als um die Musik geht, wird die Sache schwierig und für uns auch uninteressant. Wir lieben, was wir tun, sind aber zum Glück nicht darauf angewiesen, damit Geld zu verdienen.

Wodwoz: Dass Major Labels bei uns anklopfen, ist ein nettes Gedankenspiel, aber mehr auch nicht. Es gibt für unsere Musik ein kleine aber feine Zielgruppe von Freaks, aus der heraus innerhalb des letzten halben Jahres seit Veröffentlichung unseres Demos unglaublich viel positive Rückmeldung gekommen ist. Und genau das ist für uns der einzige Grund, warum wir das machen. Klar wollen wir perspektivisch noch mehr Leute erreichen, das aber definitiv weiterhin im Underground und mit voller kreativer Kontrolle!

Als ich mal in dieses Internet schaute, staunte ich nicht schlecht, dass es wirklich eine Waffe namens Boarhammer gibt. War euch das bei der Namensfindung bewusst, oder stand der Bohrhammer Pate, oder verlief die Namensgebung einfach auf spiritueller Ebene?
Aber davon abgesehen, was ist euer liebstes Handwerkzeug? (Meines ist die Wasserpumpenzange, auch Rohrzange genannt. Man kann damit packen, drehen, schrauben, brechen, hämmern und sogar werfen.)

The Vessel: Meinst du dieses Fantasy-Tabletop- oder Computerspiel-Dingen, oder diese Schlinge zum Jagen? (Das Schlingending, das scheinbar irgendwie den Druck der Waffe abdämpft. – m.) Diese Gerätschaften haben wir tatsächlich mittlerweile auch entdeckt. Bei der Namensfindung war uns beides nicht bewusst, aber zumindest die Fantasy-Waffe passt ja irgendwie…
Tatsächlich haben wir bei der Namensfindung überlegt, wie wir einerseits ein Symbol für unseren thematisch-philosophischen Hintergrund finden und andererseits den Vertretern der Ursuppe des Black Metal, welche uns beeinflusst haben, weil wir mit ihrer Musik aufgewachsen sind, eine mehr oder weniger offensichtliche Referenz erweisen können. „Boar“ verkörpert für uns symbolisch ganz gut unsere Wald- und Mythenbezogenheit; Hellhammer sind halt super, so fügt sich eins ins andere.

Wodwoz: Dass wir beim deutschsprachigen Publikum häufig direkt diese Baumarktassoziationen wecken, war nicht beabsichtigt, lässt sich jetzt aber wohl nicht mehr ändern, haha. Unser Sound wurde mittlerweile schon mehrfach mit einer Rotte Wildschweinen verglichen, die durchs Unterholz wütet und eine Spur der Verwüstung hinterlässt – das finde ich schon passender.
Wenn man dieses Boarhammer-Jagdzubehördingens googelt, findet man massenweise Photos und Videos von so Arschlochjägern, die Wildschweine und alles, was ihnen noch so vor die Flinte läuft, aus purem Spaß an der Freude abknallen, um dann mit den Trophäen posieren. Mögen sie alle von den gerechten Hauern des mächtigen Boarhammer qualvoll zerfleischt werden!

Seid ihr mehr auf das neue King Diamond, oder das neue Mercyful Fate Album gespannt? Und falls nichts von beiden, möchtet ihr wenigstens ein bisschen über eure Beziehung oder Einstellung zum King plaudern?

The Vessel: Ich bin definitiv mehr auf das neue Mercyful Fate Album gespannt. Die ersten beiden Alben, „Melissa“ und „Don’t break the Oath“, sind für mich wirklich starke Klassiker. Diese Mischung aus erstklassiger Gitarrenarbeit und dem einzigartigen Gesang des King ist unerreicht.

Wodwoz: Gespannt bin ich durchaus auf beide Alben, allerdings mache ich mir keine Illusionen, dass die neuen Scheiben auch nur ansatzweise an die Klassiker heranreichen können. Klar hat das dann schon immer Eventcharakter, wenn legendäre Bands ein neues Album rausbringen, und ich genieße es dann auch immer, mich in Ruhe damit hinzusetzen. Ehrlich gesagt hat das dann aber eher den Effekt, dass ich relativ schnell doch eher wieder eine alte Platte der entsprechenden Band auflege. Ich bin auch auf jeden Fall gespannter auf die neue Mercyful Fate! Ich bin da gar nicht der Megafan und von den späteren MF- und Kind Diamond-Album kenne ich auch längst nicht alle. Mir reichen im Prinzip wirklich „Melissa und „Don’t break the Oath“. Beide Alben atmen einen Spirit, den der King mit seinen späteren Besetzungen so nicht wieder reproduzieren konnte.

 

Stellt euch vor, ihr werdet vor die Wahl gestellt: Ihr könnt entweder jede musikalische Veröffentlichung vor dem Jahre 2000 hören, und nicht nur hören, ihr dürft die originalen Tonträger in eure Sammlung stellen. Aber nichts mehr ab dem 1.1.2000, auch keine Neuerscheinung, diese Welt bleibt euch für immer verschlossen.
Oder ihr dürft alles ab 2000 bis zum Ende eurer irdischen Tage hören und sammeln, wirklich alles. Und kostenlos. Aber die Musik vor 2000 ist für immer weg.
Wie würdet ihr euch entscheiden?

Wodwoz: Ich verfolge sehr intensiv, was Woche für Woche an neuen Veröffentlichungen kommt, und bin immer auf der Suche nach musikalischen Neuentdeckungen. Das würde mir schon sehr fehlen, aber ich entscheide mich trotzdem für Variante A. Ich stelle zunehmend fest, dass ich zu Alben, die ich in den frühen Neunzigern entdeckt habe, eine derart starke nostalgische Verbindung habe, an die nur sehr wenige Veröffentlichungen nach 2000 rankommen. Außerdem gibt es quer durch die Musikgeschichte immer noch so viel zu entdecken, das schafft man in einem Leben gar nicht alles durchzuhören. Langweilig würde es also nicht mit ausschließlich alter Musik.

The Vessel: Auf jeden Fall die Musik von vor 2000. Die Menge an innovativen Bands, wie es sie zwischen sagen wir mal grob 1970 und 2000 im Rock- und Metal-Bereich gab, darf nicht verloren gehen. Selbstverständlich gab es auch seit 2000 und gibt es auch heute tolle Bands, die Grenzen sprengen und in der Lage sind, der Metal-Musik neue Facetten hinzuzufügen. Aber wenn alles vor 2000 weg wäre, wäre dies für mich wohl der dramatischere Verlust.

Ich vermute bei euch eine tiefe Naturverbundenheit. Bezieht sich diese eher nur auf Rituale im düstren Tann, oder geht ihr zum Beispiel auch angeln, jagen, Pilze suchen oder Kräuter sammeln?

The Vessel: Im düsteren Tann unterwegs zu sein gehört zur Boarhammer-Routine auf jeden Fall dazu; der Wald ist quasi das natürliche Habitat des Boarhammers. Hier haben wir beschlossen, die Band zu gründen, und hier entstanden und entstehen viele wichtige Ideen rund um unsere Musik und unser Konzept. Meine Beziehung zur Natur ist allerdings deutlich vielfältiger und beschränkt sich nicht auf die Band. Die Natur ist mir sowohl in der konkreten Erfahrung (z.B. durch das Wandern, das Betrachten und Fühlen von Landschaft und Wetter, aber durchaus auch durch das Sammeln von Kräutern oder Materialien) als auch in philosophischer Hinsicht (z.B. bzgl. der symbolischen Ebene der Bedeutung des Waldes, der Berge, des Meeres etc. in verschiedenen Mythologien) wichtig.

Wodwoz: Das Sammeln von Pilzen sowie Wild- und Heilkräutern hat für mich in den letzten Jahren einen immer größeren Stellenwert gewonnen. Ich finde es faszinierend, welche Vielfalt es gibt, und gleichzeitig erschreckend, wie weit wir uns mit unserer modernen Lebensweise vom Wissen und von den Praktiken unserer Vorfahren entfernt haben. Für Jagen und Angeln in seiner archaischen Form habe ich großen Respekt. Beides spielt für uns allerdings keine Rolle, der Boarhammer koexistiert friedlich mit allen Kreaturen der Wälder und Gewässer!

Ich mag die Stellungnahme im Booklet. („Being an agent of chaos, BOARHAMMER deeply despises all kinds of concepts that aim at establishing an order of hierarchy of any kind, including ideas like racism, misogynism, sexism, fascism or any other -ism in the same vain. If you approve of concepts like that, BOARHAMMER is not for you.“)
Bedeutet „agent of chaos“ Sympathie zur Anarchie, oder ist das viel, viel tiefer als jede politische Anschauung angesiedelt? Oder beides?

The Vessel: Tatsächlich beides. Im Zusammenhang mit Black Metal finde ich den Bezug zum Weltbild der Kirche in England zu Zeiten Shakespeares beispielsweise sehr interessant. Im elisabethanischen Weltbild herrscht eine strenge, gottgegebene Hierarchie, an deren Spitze Gott selbst steht und die dem Menschen eine dem Rest der Natur klar überlegene Rolle zuweist. Innerhalb der menschlichen Gesellschaft existiert auch wieder eine strenge Hierarchie. Diese Umstände gelten als von Gott so gewollt; jegliche Auflehnung verkörpert die Macht des Chaos (deren Personifikation der Teufel ist) und muss im Sinne des Bewahrens bzw. der Wiederherstellung der Ordnung zerschlagen werden.
Betrachtet man Black Metal nun als eine Art nihilistisches Prinzip, welches geltende Werte und Normen hinterfragt und verneint, also als eine Wirkungsweise des Chaos, lässt er sich nicht als ein politisches Instrument – wie im NSBM – rechtfertigen, da er als solches eher die Funktion hätte, Hierarchien zu bewahren oder voranzutreiben, also Ordnungen zu gestalten. Dies erscheint mir widersprüchlich.

Bedeutet „I“, dass dieses köstliche Demotape den ersten Teil eines Zyklus darstellt?

The Vessel: Genau. Es wird definitiv mehr kommen. Wir sind bereits dabei, unser Konzept weiterzuverfolgen, und arbeiten fleißig an neuem Material.

Wodwoz: Ja, nach all den positiven Reaktionen auf unser Demo ist die Motivation riesig, die nächste Veröffentlichung an den Start zu bringen!

Danke, großer BOARHAMMER, und viel Glück für eure Zukunft!